Jazzdor Strasbourg-Berlin

7. Jazzdor Strasbourg-Berlin // 5. - 8. Juni 2013

 

Der Jazz ist ein veränderliches Reptil. Seit ungefähr 120 Jahren reagiert er sensibel wie kaum eine andere Kunstform auf den sich unablässig verändernden Zeitgeist, ist ein zuverlässiger Seismograf für politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen, Verschiebungen und Herausforderungen rund um den Planeten. Auch die deutsch-französischen Beziehungen sind ständigen Veränderungen unterworfen. Ihr Charakter ist nicht nur von der jeweiligen Befindlichkeit zweier Völker geprägt, die einander in der Vergangenheit alles andere als freundlich gesonnen waren, sondern auch von innen-politischen Gemengelagen und der gesamteuropäischen Situation, in welche die beiden Kernländer Mitteleuropas eingebettet sind.

 

Der siebte Jahrgang des Festivals Jazzdor Strasbourg-Berlin fängt einmal mehr den aktuellen Stand des deutsch-französischen Jazz-Geschehens auf. Darüber hinaus findet er 50 Jahre nach Abschluss des Elysée-Vertrags auch einen besonderen Ausdruck des kulturellen Austauschs und Zusammenwachsens von Frankreich und Deutschland. Was an dieser Stelle wie ein kulturpolitischer Gemeinplatz klingen mag, ist jedoch viel mehr als das, denn das Bewusstsein für das jeweilige Nachbarland dies- und jenseits des Rheins ist noch lange nicht so weit im Alltag verankert, wie man es ein halbes Jahrhundert nach dem historischen Vertragsabschluss zwischen Adenauer und de Gaulle erwarten sollte. Will man an diesem vermeintlichen Status Quo etwas ändern, gilt es nicht nur, auf bewährte Modelle zu setzen, sondern immer wieder neue Denkanstöße zu liefern und dem Lebensgefühl stetig nachwachsender Generationen ein Ventil zu geben.

 

Für Festivalmacher Philippe Ochem wäre es ein Leichtes gewesen, sich auf dem großartigen Echo des Vorjahres auszuruhen und einmal mehr auf große Namen und spektakuläre Begegnungen zu setzen. Stattdessen baut er Brücken in die Zukunft. Natürlich gibt es auch 2013 einige bekannte Größen wie Michel Portal, Heinz Sauer, Marc Ducret oder Daniel Erdmann, die auf der Jazzdor bereits zu Dauergästen avanciert sind. Auch die Bassistin Joelle Leandre oder der Schlagzeuger John Hollenbeck sind keine Newcomer auf dem internationalen Jazzparkett. Doch das Hauptaugenmerk gilt in diesem Jahr weniger bekannten Künstlern, die bereits starke persönliche Akzente gesetzt haben oder gerade dabei sind, sich in die vorderen Reihen der Jazz-Wahrnehmung zu spielen. Musiker wie Akkordeonist Vincent Peirani, die Posaunisten Samuel Blaser (der gleich in zwei Konstellationen zu hören ist) und Georgul Komazov, Pianist Denis Badault, Trompeter Antoine Berjeaut, der hier mit dem renommierten Rapper Mike Ladd antritt, oder die Band Actuum werden neue Akzente setzen.

 

Im Zeichen von Globalisierung, ethnischer Neuformierung Europas, anschwellenden Migrationsströmen und zunehmender Künstlerwanderung werden Begriffe wie Frankreich, Deutschland und Europa auch im künstlerischen Sinne völlig neu definiert. Jazzdor zollt dieser Entwicklung Rechnung. Sheng-Spieler Wu Wei ist Chinese, hat aber jeweils ein Standbein in Frankreich und Berlin. Drummer John Hollenbeck ist ein fester Bestandteil der New Yorker Szene, lebt, lehrt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Berlin, der französische Gitarrist Marc Ducret hat seine Zelte in Kopenhagen aufgeschlagen, Mike Ladd ist ein Amerikaner in Paris. Herkunft und Zugehörigkeit zu einem Ort, einer Nation, einer Szene – auch dies ist eine Lehre 50 Jahre nach Abschluss des Elysée Vertrags – definiert sich längst nicht mehr über Blutsbande und ein Verhältnis zur Scholle. Jazzdor Strasbourg-Berlin findet einen zeitgemäßen, weltoffenen Umgang mit bewährten und flexiblen Begrifflichkeiten, die jedes Jahr erneut auf den Prüfstand gehören. Ein Festival aus dem Herzen Europas für Europa, das weit über den begrenzten Horizont der Jazzszene hinauswirkt und Perspektiven aufzeigt, die für alle Bereiche von Kunst, Politik und Alltag Gültigkeit haben.

Wolf Kampmann